Rot in der Nacht

Seit 2024 fotografiere ich nachts an Orten, die Geschichte in sich tragen, sichtbar oder unsichtbar. Das sind Megalithen, griechische Theater, römische Mauern, Türme, Kapellen, Bunker des Atlantikwalls, Mahnmale und Bäume, die älter sind als alles um sie herum. Wahrscheinlich gibt es kaum einen bewohnten Ort auf der Erde, an dem noch nichts geschehen ist.
In der Nacht verändert sich der Blick. Die Dinge bleiben dieselben, aber ihre Präsenz wird eine andere. Ich male mit rotem Licht in die Landschaft. Es macht sichtbar, ohne die Nacht zu zerstören. Darüber suche ich einen besonderen Himmel mit Sternen, Milchstraße, Mond oder ungewöhnlichen Wolken. Unter dem Himmel wird beides spürbar: die Vergänglichkeit und dass etwas bleibt.
Rot ist nie neutral. Es ist die Farbe des Blutes und darum die Farbe, die am meisten Gefühl trägt. Sie steht für Wärme und Glut, für Liebe und Würde, Könige trugen Purpur. Sie steht aber auch für Schmerz, Gefahr und Warnung. Und Rot ist die Gegenfarbe zum Grün der Pflanzen und Bäume, zu fast allem, was lebt.
Manche Orte sind einfach schön. Manche sind aus der Zeit gefallen, wie die kleine Insel Madonna del Monte in der Lagune von Venedig, an der die Gegenwart vorbeifährt. Manche haben sich verwandelt. Die Heilandskirche in Sacrow lag im Todesstreifen und verfiel, heute ist sie wieder ein friedlicher Ort. An vielen Orten ist der Schrecken noch da. Am Mahnmal von Saint-Mathieu zielen die Kanonen im roten Licht direkt auf den Betrachter.
Ich bin dabei allein, über Stunden. In dieser Zeit nehme ich einen Ort in mich auf, und danach ist er ein Teil von mir. Zu jedem Bild gehört eine Nacht, und zu jeder Nacht eine Geschichte.
Dunkelheit und rotes Licht machen spürbar, was im Tagesblick oft nur sichtbar ist.
Wie es begann
Im August 2024 wollten wir die Sternschnuppen der Perseiden auf der Hochebene von Cauria im Süden Korsikas sehen, wo Megalithen stehen. Gegen Mitternacht gingen wir hinaus, in den Büschen grunzten Wildschweine. Bei den Steinen breiteten wir Decken aus, und die Familie schlief bald ein. Ich saß stundenlang an einen warmen, jahrtausendealten Stein gelehnt und versuchte, die Megalithen zusammen mit der Milchstraße zu fotografieren.
Dabei trug ich eine rote Stirnlampe, weil rotes Licht die Nachtsicht nicht stört. Eher zufällig fiel ihr Licht auf die Steine, und plötzlich standen sie rot vor der Milchstraße. Gegen vier Uhr musste ich mich trennen. Diese Nacht trage ich seitdem in mir.
Im selben Jahr entstand am Weststrand des Darß die Pappel auf roter Düne unter der Milchstraße. Ab da wurde aus dem Zufall ein Projekt.













